Wie werden diese Medientabus aufrecht erhalten?

“Die Wirklichkeitspartikel, die Medien aus der realen Welt aufnehmen, werden von ihnen intensiv bearbeitet und was dann dabei herauskommt, ist eine Neuinszenierung der Welt und hat mit der Realität oft nicht sehr viel zu tun.”

Thomas Meyer, Politikwissenschaftler

 

“Jedem, der sich ein Stück weit aus dem ‘Overton-Fenster’ lehnt, bläst ein eisiger Wind entgegen. Die Medien, die vor dem Fenster Wache stehen, werden ihn rasch als ‘unrealistisch’ und ‘unvernünftig’ abstempeln. Beispielsweise gibt es im Fernsehen nicht genügend Zeit und Raum, um erheblich abweichende Meinungen zu präsentieren. Stattdessen sehen wir in den Talkshows einen endlosen Reigen, in dem immer dieselben Leute immer dieselben Dinge sagen.”

Rutger Bregmann: Utopien für Realisten

 

“Wer ein Problem aufdeckt, wird selbst zum Problem erklärt.”

Sara Ahmed, feministische Kulturwissenschaftlerin

 

 

In diesem Essay geht es um zwei zentrale Fragen dazu, wie heutzutage gesellschaftliche Debatten geführt werden.

 

Frage Nr. 1:

“Sexuelle Gewalt gegen Männer ist zweifellos eines der schwerwiegendsten Menschenrechtsprobleme unserer Zeit”, erklärt der britische Politikwissenschaftler Dr. Amalendu Misra in seinem Buch “The Landscape of Silence. Sexual Violence against Men in War”. Von über 4000 Regierungsorganisationen, die sich mit sexueller Gewalt in militärischen Konflikten beschäftigen, sprechen jedoch nur drei Prozent explizit über männliche Opfer: “Es gibt nur geringes bis gar kein Interesse daran, sich mit ihren Fällen zu beschäftigen.”. Die einzige politische Bewegung, die sich gegen diese Form sexueller Gewalt engagiert, ist der Maskulismus, der seinerseits entweder ignoriert oder angefeindet wird. Misra selbst geht es nicht anders: “Ich habe nach Seminaren feindselige Angriffe von vielen anderen Akademikern erhalten, die nicht glauben, ‘dass dieses Thema Wert ist, darüber zu sprechen’. Vergewaltiger haben über die Erwähnung ihrer schrecklichen Taten gelächelt. (…) Und dann gibt es die Allgemeinbevölkerung, die komplett ahnungslos ist, was dieses Thema betrifft.”

Warum sind solche Greuel in unserer öffentlichen Debatte kein Thema?

 

Frage Nr. 2:

Unsere Leitmedien haben in den letzten Jahren einen immensen Vertrauensverlust erlitten. Die Mehrheit der Deutschen erklärt, wenig oder gar kein Vertrauen mehr in die Medien zu haben. Der Edelman Trust Barometer spricht von einer “Kernschmelze des Vertrauens”. Nur noch 40 Prozent halten die Presse für objektiv; vor allem Gebildete und Gutverdienende glauben, die Berichterstattung sei einseitig und politisch gelenkt, Sachverhalte würden verdreht oder verheimlicht. Bei der Frage, welchen Berufsgruppen die Bürger vertrauen, liegen Journalisten mit 37 Prozent weit hinten (noch abgeschlagener landeten lediglich Werbefachleute, Versicherungsvertreter und Politiker). Der Youtuber “Rezo” berichtet in seinem Video “Die Zerstörung der Presse”: “Ich erlebe ein gewisses Grundmisstrauen ständig in meinem eigenen Umfeld. Ich kenne zum Beispiel zahlreiche Youtube-Kollegen, die mit Zeitungen absolut nichts am Hut haben wollen und auf E-Mails von JournalistInnen grundsätzlich nicht antworten, weil sie irgendwelche hinterlistigen Moves befürchten. In den Communitys ist das ähnlich. In verschiedenen Kommentarsektionen ist es zum Beispiel ein Running Gag, sich zu überlegen, wie das aktuelle Video mal wieder von Zeitungen falsch dargestellt und aus dem Kontext gerissen werden könnte.”

Wie haben die Leitmedien das Vertrauen der Bürger verloren?

 

Dieses Essay wird beide Fragen in einem Aufwasch beantworten, indem es veranschaulicht, wie Journalisten der Leitmedien damit umgehen, wenn jemand auf männliche Opfer zu sprechen kommt. Ich werde das exemplarisch an einem konkreten Beispiel zeigen: einem Interview, das der FAZ-Journalist Sebastian Eder mit mir führte, und dem Artikel, der daraus entstanden ist.

In diesem Interview betonte ich den Wunsch von uns Männerrechtlern, mit männerfreundlichen Feministinnen zusammenzuarbeiten, wie es in den USA bereits geschieht. Ich erläuterte auch unsere Auffassung, in einer “bisexistischen Gesellschaft” zu leben, also einer Gesellschaft, in der beide Geschlechter Nachteile erleiden. Für Männer fehle es aber an einer ebenso engagierten Geschlechterpolitik, wie es sie für Frauen seit Jahrzehnten gibt. Ich erklärte, dass ich eine “Unterdrückungsolympiade” ablehne, also einen bizarren Wettbewerb darum, welches Geschlecht am benachteiligsten ist. (Dies gilt unbenommen der
aktuellsten Forschungserkenntnisse, denen zufolge in fast allen europäischen Staaten Männer stärker benachteiligt werden als Frauen.) Darüber hinaus erwähnte ich, dass sich meine Freunde regelmäßig darüber amüsieren, wenn ich irgendwo als “rechts” verleumdet werde, da sie mich vor allem dadurch kennen, dass ich etwa AfD-Anhängern sowohl im realen Leben als auch online kontinuierlich entschieden kontra gebe.

Eder wirkte in diesem Gespräch leutselig und interessiert; wir unterhielten uns danach darüber, wo man dieses Interview veröffentlichen könnte, um möglichst viele Leser über meine männerpolitischen Anliegen zu informieren. Ich schenkte Eder ein Exemplar meines Buches “Plädoyer für eine linke Männerpolitik”, damit er sich ein fundierteres Bild über diese Anliegen machen konnte. In diesem Buch werden Menschenrechtsverletzungen gegen Männer ausführlich dargestellt. Da aus Eders Artikel hervorgeht, dass er dieses Buch gelesen hat und da die Inhalte dieses Buches belegbar sind, werde ich mich bei meiner weiteren Analyse vor allem darauf beziehen.

Die ersten leisen Alarmsignale gab es für mich erst in meinem Mailwechsel mit Eder nach dem Interview. Sie bestanden vor allem in zwei Dingen:

1.) Ich bat Sebastian Eder darum, angebliche Äußerungen von mir, die er in seinem Artikel veröffentlichen wollte, vor der Veröffentlichung lesen und bestätigen zu dürfen, um zu vermeiden, dass es zu Missverständnissen oder gar Unterstellungen von Dingen kam, die ich nicht gesagt hatte. Entsprechende Bitten werden mir etwa von der “Welt” oder dem “Deutschlandradio” anstandslos gewährt. Sebastian Eder teilte mir indes mit, so etwas werde bei der Frankfurter Allgemeinen (mit der Ausnahme von “Wortlautinterviews”) nicht gemacht.

2.) Was ein Foto von mir anging, wünschte sich Sebastian Eder die Anfertigung einer Aufnahme, die mich hinter dem Computer zeigte. Derartige Bitten nach einer bestimmten Inszenierung kenne ich sonst nicht, wenn von mir Fotos für andere Artikel etwa des “Focus” oder der Rhein-Main-Presse gemacht wurden. Ich hatte inzwischen den Verdacht, dass ich auf eine bestimmte Weise präsentiert werden sollte, und lehnte Eders Wunsch nach einem solchen Foto ab.

In einer weiteren Mail bat mich Eder darum, Kontakt zu meinen Freunden herzustellen, nachdem diese sich so sehr darüber amüsierten, wie grotesk ich von einigen Ideologen als rechtslastiges Feindbild dargestellt werde und wie wenig das mit meinem tatsächlichen Verhalten zu tun hat. Ich sah dankbar endlich die Gelegenheit für eine Korrektur solcher Darstellungen, fragte meine Freunde also, wer zu einem Interview bereit wäre, und fand mehrere Interessenten. Eine der Frauen, die mein Engagement für Männer unterstützen, war allerdings skeptisch: “Bist du dir sicher dass sie dir nicht einen Strick daraus drehen, dass du überhaupt AfD-Anhänger kennst und mit ihnen sprichst?”

Die folgenden Absätze werden meine Kommunikation mit Eder dem gegenüberstellen, was er daraus für die Frankfurter Allgemeine machte.

Bereits auf den ersten Seiten meines Buches lege ich meine Auffassung dar, dass wir in einer “bisexistischen Gesellschaft” leben, in der Benachteiligungen von Frauen und Benachteiligungen von Männern häufig miteinander verknüpft sind. Ich verweise auf das Konzept der feministischen Theologin Elisabeth Schüssler Fiorenza, der zufolge eine Person in einem Kontext unterdrückt und in einem anderen privilegiert sein kann. Ich stelle Maskulismus als eine Weltsicht vor, der zufolge “Benachteiligungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen in Bezug auf alle Menschen einschließlich der Männer” erforscht und beseitigt werden sollten. Ich verweise auf die Equity-Feministinnen als geeignete Bündnispartner. Und ich stelle das Konzept des “integralen Antisexismus” als “Bekämpfung von Sexismus gegen beide Geschlechter” vor. Im späteren Verlauf des Buches zitiere ich Warren Farrell zustimmend mit seinem Statement, er betrachte sich als Frauenrechtler und Männerrechtler zugleich, lehne aber beide Bewegungen ab, “wenn eine sagt, unser Geschlecht ist das unterdrückte Geschlecht”.

Im dem Artikel vorangestellten und in der Online-Version fettgedruckten Teaser des Artikels heißt es daraufhin:

“Arne Hoffmann kämpft seit 20 Jahren gegen die Unterdrückung der Männer in Deutschland.”

Während das inhaltlich dem entgegengesetzt ist, was Sebastian Eder über meine Positionen erfahren hat, erfüllt dieser Teaser eine rhetorische Funktion: Die meisten Manager und Politiker sind in unserer Gesellschaft männlich (auch wenn sie sich diese Positionen erarbeitet und nicht durch einen patriarchalen Geheimbund verliehen bekommen haben). Insofern wirkt jemand, der “gegen die Unterdrückung der Männer in Deutschland” kämpft – und das auch noch “seit 20 Jahren” – mindestens wie ein skurriler Fanatiker und Phantast. Die Wahrnehmung der Leser wird so von Anfang an gesteuert.

Verstärkt wird diese Suggestion durch den darauf folgenden Satz “Zuhören will ihm kaum jemand”, was erneut die Suggestion des verschrobenen Einzelkämpfers verstärkt. Tatsächlich werden meine Argumente von zehntausenden von Lesern wahrgenommen – allerdings nur sehr begrenzt von den Leitmedien und den politisch führenden Parteien. Durch die Formulierung “kaum jemand” macht die Frankfurter Allgemeine ungewollt deutlich, dass als “jemand” für sie nur ein mediales Establishment zählt, der Normalbürger nicht.

Die eigentliche Eröffnung des Artikels stützt die bisherige Rhetorik. In diesem ersten Absatz geht es um eine Plauderei über die letzten Folgen der TV-Serie “Game of Thrones”, über die Sebastian Eder und ich uns nach dem Interview unterhielten. Die Frage liegt nahe, warum ein interviewbasierter Artikel mit etwas eröffnet, das gar nicht zum Interview gehörte und das statt geschlechterpolitischen Anliegen das Schicksal des fiktiven Drachens Drogo behandelt. Der einzige Sinn dieses Absatzes an einer so hervorgehobenen Position wie dem Artikelbeginn kann in seiner rhetorischen Implikation liegen, etwa in dem Sinne von “Nerd, der in Phantasiewelten lebt”.

Was dabei untergeht, ist, dass gerade “Game of Thrones” die klassischen Männerrollen brillant hinterfragt: Edle Ritter sterben zuhauf, siegreich sind stattdessen, so der Titel einer Folge, “Cripples, Bastards & Broken Things”. Statt dieses Eintreten für marginalisierte Männer aufzugreifen, wird die Serie lediglich verwendet, um den Diskurs von Weltfremdheit weiter vorzubereiten.

Ironischerweise widerspricht der Artikel nun seinem eigenen Teaser und verweist darauf, dass es in Deutschland eine “betont maskulistische” Strömung gibt, deren engerer Kern allein bereits “ein Prozent der männlichen Bevölkerung” ausmache, also etwa 400.000 Menschen. Allerdings wird diese Strömung von der Frankfurter Allgemeinen unzutreffend als “radikal antifeministisch” etikettiert, und ihre Anliegen werden erneut persifliert:

“Was sind das für Männer, die das Gefühl haben, von Frauen unterdrückt zu werden?”

Der Fokus wird auch von den sozialen Anliegen dieser Bürgerbewegung darauf gelenkt, “was das für Männer sind”, die sich angeblich von Frauen unterdrückt fühlen. Statt um die Sachebene geht es um eine psychologische Analyse auf persönlicher Ebene, als ob diese Männer selbst das eigentliche Problem darstellen würden. (Dass auch viele Frauen, darunter sogar Feministinnen, diese Männer unterstützen, bleibt ohnehin unerwähnt.) Hier blitzt bereits eine Kernaussage dieses Artikels auf: Ein Mann, der sich “von Frauen unterdrückt fühlt”, ist kein echter Kerl, ist aus der Art geschlagen, sonderbar und muss untersucht werden.

Im folgenden Abschnitt zitiert Sebastian Eder einen meiner Freunde, Patrick Albert, zu denen ich ihm einen Kontakt vermittelt habe:

“Wie er ihn am Anfang erlebt hat? ‘Als sehr ruhigen Menschen. Eher so der Beobachter, niemand, der von sich aus Themen anspricht.’ Aber irgendwann, an ruhigen Abenden, fing Hoffmann an, von sich zu erzählen. ‘Da hat mich dann schon manches überrascht”, sagt Albert. Nie gedacht hätte er zum Beispiel, dass Hoffmann erotische Literatur schreibt.”

Das, was Patrick Albert eigentlich bezeugen wollte und auch bezeugt hatte, kommt in dem Artikel nicht vor. Der von Eder genannte Grund für das Interview mit meinen privaten Freunden erweist sich als Vorwand. Um eine Richtigstellung der über mich gestreuten Verleumdungen geht es überhaupt nicht. Stattdessen soll “erotische Literatur” als Thema eingeführt werden. Wir sind erst wenige Absätze im Artikel und schon weit vom Thema männerpolitischer Anliegen entfernt.

Einer der am höchsten bewerteten Kommentare unter der Online-Fassung des Artikels stammt von Patrick Albert selbst:

“Mit Arnes Thema ‘Männerrecht’ habe ich eigentlich nichts zu tun – ich wollte ihm als Freund lediglich den Gefallen tun und einem Redakteur der FAZ (ehrlich und authentisch – das war Arne wichtig) Rede und Antwort stehen. Nach dem Lesen des Artikels: Diese Zeit hätte ich mir sparen können. Da erzähle ich ihm z.B., dass Arne sich wunderbar mit den Frauen im Quiz-Team versteht…dass er nichts gegen Frauen hat, sondern lediglich für Männer gerne die gleichen Rechte hätte… . Und dann? Ich werde lediglich mit den Worten zitiert, einen Autor für Erotikliteratur hätte ich mir anders vorgestellt. Auf meine Rückfrage hin schrieb Herr Eder, er könne ja wohl selbst entscheiden, was er für relevant halte. Ja, durchaus! Relevant ist in diesem Artikel dann wohl lediglich, Arne Hoffmann negativ darzustellen. Dazu passen dann meine Aussagen aber leider nicht – sorry! Ganz unabhängig vom thematischen Inhalt: Die Art und Weise, wie dieser Artikel geschrieben wurde, ist weit unter üblichem FAZ-Niveau.”

Es ist insofern keine Überraschung, dass die Frankfurter Allgemeine beim Erwähnen meiner Sex-Ratgeber ein humoristisches Buch wie “Onanieren für Profis” erwähnt, also gezielt einen Titel auswählt, der am ehesten stigmabesetzt ist und nach sozialer Isolation klingt – wobei bezeichnenderweise vor allem das rechte Lager negativ auf das Erwähnen von Selbstbefriedigung reagiert. Tatsächlich spiegeln meine Sex-Ratgeber unter anderem den sex-positiven Feminismus, und Ratgeber wie “Nummer Sicher” widmen sich der Verhinderung und Aufarbeitung von sexueller Gewalt bezüglich beider Geschlechter – stets auf Basis der wissenschaftlichen Fachliteratur. Es handelt sich um wichtige sexualwissenschaftliche Informationen, die viel Leid verhindern können. Die Frankfurter Allgemeine reduziert dies auf eine Lachnummer.

Dementsprechend heißt es in Sebastian Eders Artikel weiter:

“Es wäre insgesamt recht einfach, sich über Arne Hoffmann lustig zu machen: Er ist 48, lebt aber noch mit seinem Vater in seinem Elternhaus in einem 500-Seelen-Dorf im Taunus. Er hat keine Freundin, schreibt aber Sex-Ratgeber.”

Während hier die Fakten stimmen, ist ihre Interpretation, es wäre deshalb einfach, sich über mich lustig zu machen, bemerkenswert. Männer, die weder verheiratet sind, noch in einem Singlehaushalt leben, sich also gesellschaftlichen Vorgaben, wie ein echter Kerl zu sein hat, entziehen, werden als lächerliche Figuren dargestellt. Überraschenderweise gehört sogar das Leben in einem kleinen Dorf dazu. An die Seite geschlechtsbezogener Klischees und Sanktionen gegen Menschen, die diesen Klischees nicht entsprechen, tritt hier das Vorurteil des Städters gegen “Hinterwäldler”. Der Artikel gerät hier zu einer Aneinanderreihung von Ressentiments.

Entsprechend geht es weiter:

“Er liebt Fantasy-Geschichten und entspricht auch optisch dem Klischee eines Nerds, der sich vor allem hinter seinem Bildschirm stark fühlt”

Die erneute Erwähnung von Fantasy wird hier durch die Abwertung “Nerd” ergänzt, einer beliebten Herabsetzung für Akademiker. Das schließt an Anti-Intellektualismus an, wie er nicht nur im politischen Schlagabtausch vorkommt (man denke etwa an Gerhard Schröders Seitenhieb gegen den “Professor aus Heidelberg”), sondern auch in der Alltagssprache (“Eierkopf”, “Streber”). So kehrt Sebastian Eder erneut zu seiner Abwertung von Männern zurück, die nicht dem Ideal des “echten Kerls” entsprechen, und setzt ihnen das Klischee eines schwächlichen Nerds gegenüber.

Überdies stellt sich die Frage: Wie genau sieht ein “Nerd” eigentlich aus? Er trägt eine Brille und verfügt über wenig Muskeln? Während ein Nicht-Nerd über breite Brust und muskulöse Oberarme verfügt? Der “Nerd” ist für Menschen, die sich als echte Kerle inszenieren müssen, offenbar dieselbe Witzfigur, die die “Tunte” vor 30 Jahren war. Aber sollte man von einem Sachbuch-Autor nicht Kompetenz statt körperlicher Stärke erwarten? Ist im Zeitalter der Medienarbeit und der Onlinegesellschaft Bildschirmarbeit nicht längst normal geworden? Und woher kommt die Unterstellung, dass man sich besonders “stark fühlen” müsse, wenn man auf soziale Anliegen von Männern aufmerksam macht?

Männeraktivisten geraten hier in eine bizarre Zwickmühle: Entsprechen sie dem gängigen Männerbild, werde sie als aggressive Machos und Ewig-Gestrige karikiert. Entsprechen sie diesem Klischee nicht, sondern sind sie eher introvertiert und sanftmütig, wirft man ihnen vor, nicht “männlich” genug zu sein. Statt mit Sachfragen beschäftigt sich ein Journalist, der wie Eder vorgeht, lieber mit seinen eigenen Klischees und Unsicherheiten, wie ein Mann zu sein habe.

Weiter heißt es in dem Artikel über mich:

“Er kämpft eben gegen die Unterdrückung der Männer, die doch immer noch fast überall in der Gesellschaft das Sagen haben.”

Hier wird zum dritten Mal aus der Frage, welche noch unbeachteten geschlechterpolitischen Anliegen Männer haben, ein Kampf gegen “die Unterdrückung der Männer” gemacht. Eder hämmert seinen Lesern seine verzerrte Darstellung meiner Positionen regelrecht ein, um mich als weltfremden Spinner darzustellen. So führt er weiter aus:

“In seinem aktuellen Buch versteigt er sich zum Beispiel zu der Aussage, dass ‘die heute vielleicht stärker als je zuvor grassierende Männerfeindlichkeit (…) Diskriminierungen bis hin zum Massenmord im Gefolge hat’. Das belegt er unter anderem mit dem Zitat eines russischen Soldaten, der über seine Zeit im Tschetschenien-Krieg gesagt haben soll: ‘Frauen und Kindern tue ich nichts, solange sie nicht auf mich schießen. Aber ich töte alle Männer, und es tut mir kein bisschen leid.'”

Vor allem belege ich Männerfeindlichkeit bis hin zum Massenmord an realen Massenmorden, die ausschließlich Männer treffen, und zitiere in diesem Zusammenhang etwa die Bücher des international renommierten Experten für Genozide Professor Adam Jones. Jones und andere in meinem Buch zitierte Menschenrechtsaktivisten belegen, dass etwa den Vereinten Nationen und vielen Regierungen bislang die Sensibilität für Greuel, die Jungen und Männer betreffen, fehlt. Das ist ein wichtiges menschenrechtliches Thema, das von Eder komplett übergangen wird, um stattdessen eine Seitenbemerkung über einen russischen Soldaten zu zitieren.

Im folgenden Abschnitt findet das Zitieren auf stark verzerrende Weise statt:

“Hoffmann zitiert dann Autoren, die die ‘Männerfeindlichkeit’ mit der ‘Judenfeindschaft des Christentums in früheren Jahrhunderten’ vergleichen. ‘Christliche Führer hatten nie zur Ermordung der Juden aufgerufen, sie schufen aber ein Klima der Ablehnung, das für andere Menschen solche Taten möglich machte.’ Ein ähnlicher Mechanismus sei am Werk, ‘wenn eine kulturelle Elite Hass oder Geringschätzung gegenüber Männern schürt’. Die Situation der Männer heute mit der Situation der Juden vor dem Holocaust zu vergleichen – ein anderes Wort als Wahnsinn fällt einem dazu kaum ein.”

Mit Begriffen wie “Wahnsinn” sind wir endgültig auf der Ebene der Pathologisierung von Menschen mit abweichenden Meinungen angelangt, also in der Giftküche der schwarzen Rhetorik. Der Gymnasiallehrer und Blogger Lucas Schoppe, der mein Buch “Plädoyer für eine linke Männerpolitik” auch gelesen hat, befindet dazu in seiner Analyse von Sebastian Eders “Hit Piece”, wie er diesen Rufmord zutreffend bezeichnet:

“Wer kurz in Hoffmann Buch nachschlägt, stellt fest, dass er sich in der zitierten Passage auf die amerikanischen Religionswissenschaftler Paul Nathanson und Kathleen Young bezieht, die sich in ihrem Werk ‘Spreading Misandry’ mit männerfeindlichen Klischees in der gegenwärtigen Populärkultur auseinandersetzen. Es ist offensichtlich und eigentlich überhaupt nicht misszuverstehen, dass weder Hoffmann noch Nathanson und Young die Situation von Männern in den heutigen westlichen Gesellschaften mit der von Juden im Nationalsozialismus gleichsetzen. Ihr Punkt ist ein anderer: Die Verbreitung böswilliger Klischees über bestimmte Gruppen von Menschen habe auch dann Folgen, wenn sie nicht direkt in Forderungen münden, Gewalt gegen diese Menschen anzuwenden. Das wiederum ist sozialwissenschaftlich eine Selbstverständlichkeit und unter dem Begriff ‘gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit’ längst bekannt. Der für Gesellschaftspolitik zuständige FAZ-Redakteur aber tut so, als würde er davon nichts wissen, und unterstellt Hoffmann sowie Nathanson/Young ‘Wahnsinn’ – den er allerdings erst selbst in ihre Texte hinein fantasiert hat. Hier wie in anderen Passagen ist es unwahrscheinlich, dass er einfach nur nicht recht verstanden hat, worüber er schreibt – mit hoher Wahrscheinlichkeit stellt er die Texte absichtlich falsch dar.”

In Eders Artikel heißt es weiter:

“Andererseits hat Hoffmann kein Problem mit Menschen, die Frauen vor allem als Beute begreifen. Das Buch ‘Der perfekte Eroberer – wie Sie garantiert jede Frau verführen’ hat er zusammen mit einem sogenannten Pick-up-Artist geschrieben. Diesen selbsterklärten Verführungstrainern wird nicht nur vorgeworfen, Frauen wie austauschbare Objekte zu behandeln. Von den offensiven Anmach-Strategien der Pick-up-Artists fühlen sich viele Frauen auch schlicht belästigt.”

Die rhetorische Strategie, zu der hier gegriffen wird, bezeichnet man als “guilt by association”: Es gibt Pick-up-Artists, denen bestimmte Dinge vorgeworfen werden, also ist jemand, der mit einem Pick-up-Artist zusammenarbeitet, dieser Dinge schuldig. Tatsächlich aber enthält mein bei Heyne erschienener Ratgeber “Das Gesetz der Eroberung” , gemeinsam mit demselben Pick-up-Artist geschrieben, einen eigenen Abschnitt darüber, wie Männer vermeiden können, sich bei einem Kontaktversuch der sexuellen Belästigung schuldig zu machen.

Eders Unterstellung funktioniert damit so, wie wenn ich Mitglied bei den Grünen wäre und Eder daraufhin schreiben würde: “Hoffmann ist Mitglied einer politischen Partei. Mitgliedern politischer Parteien wird vorgeworfen, beim Holocaust eine erinnerungspolitische Wende von 180 Grad zu fordern, an der Grenze auf Flüchtlinge schießen zu wollen und gemeinsam mit Nazi-Hooligans zu marschieren.” Würde Eder in der Frankfurter Allgemeinen so etwas schreiben, hätte er sich bei sämtlichen Lesern als fernab jeglicher journalistischer Seriosität disqualifiziert. In diesem Fall kommt er damit durch, weil die meisten Leser seines Artikels meine tatsächliche Haltung zu sexueller Belästigung und Gewalt nicht kennen dürften. Damit entfernt sich die Frankfurter Allgemeine weiter von den Grundsätzen journalistischer Ethik.

In diesem Stil geht es weiter:

“Gerade Feministinnen müssen sich im Internet nicht nur mit den Annäherungsversuchen wildfremder Männer herumschlagen – sie werden oft auch massiv angefeindet und bedroht. Hoffmann macht auch dafür indirekt wieder die Frauen selbst verantwortlich: ‘Wenn Männern wieder und wieder und wieder eingetrichtert werde, wie frauenverachtend und gewalttätig sie seien, könnte sich dies auch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung entwickeln’, zitiert Hoffmann in seinem Werk die Autoren eines ‘Fachbuches’.”

Zu Eders polemischem Stil gehört, dass er hier “Fachbuch” in denunziatorische Anführungszeichen setzt, wie um seinen Lesern augenzwinkernd zu präsentieren: “Naja, was dieser Hoffmann halt als Fachbuch bezeichnet”. In ähnlicher Weise würde ein Donald-Trump-Anhänger nur mit ironischen Anführungszeichen von “Studien” über den Klimawandel und ein Rassist nur von “Literatur” schwarzer Autoren sprechen. Vor allem aber mache ich Frauen natürlich nicht dafür verantwortlich, angefeindet und bedroht zu werden. Der zitierte Satz stammt aus einem komplett anderen Kontext. Ich zitiere hier eine Passage aus dem tatsächlichen Fachbuch ‘Spreading Misandry’ (McGill-Queens University Press 2006), in dem die anerkannten Wissenschaftler Paul Nathanson und Katherine Young männerfeindliche Diskurse kritisieren:

“Die in den letzten Jahrzehnten immer stärker grassierende Männerfeindlichkeit, führen Nathanson und Young weiter aus, werde von den Verantwortlichen indes entweder heruntergespielt oder gar gerechtfertigt: Männer seien nun einmal minderwertig, und das müsse man auch entsprechend darstellen dürfen. (…) Dabei geben Nathanson und Young zu bedenken, dass sich diese Zustände irgendwann auch schädlich für Frauen auswirken könnten. Wenn Männern nämlich wieder und wieder und wieder eingetrichtert werde, wie frauenverachtend und gewalttätig sie seien, könnte sich dies auch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung entwickeln. Das Problem vieler Frauen gerade aus dem feministisch geprägten Spektrum sei es, dass sie von den Männern Liebe einfordern, aber selbst nur Hass und Verachtung zu geben haben. Das Empfangen und Geben von Liebe bedinge einander jedoch.”

Die Empathie, die die beiden Kulturwissenschaftler hier auch für Männer einfordern, ist genau die Empathie, für die Eder in seinem Artikel kaum Zugang gewinnt – nicht einmal seinem Gesprächspartner gegenüber.

In dem Artikel heißt es weiter:

“Und auch wenn Hoffmann immer wieder betont, dass er für Männer und nicht gegen Frauen kämpfe, ist das weibliche Geschlecht in seinen Argumentationen ständig an allem schuld – selbst an der eigenen Benachteiligung. Männer würden sich ja auch deswegen mit 70-Stunden-Wochen an die Spitze ‘durchschuften’, um in das Beuteschema attraktiver Frauen zu fallen. ‘Bei Frauen ist es dagegen kein Statussymbol, beruflich erfolgreich zu sein. Deswegen arbeiten sie auch keine 60 Stunden in der Woche’, sagt er.”

Frauen würden allerdings das Geschlechtergefälle tatsächlich am ehesten torpedieren, wenn sie sich bei der Partnersuche “nach unten” orientieren würden, also auch zu Männern mit einem niedrigeren gesellschaftlichen Status als ihrem eigenen. Das fordern auch Feministinnen wie etwa Stevie Schmiedel von der Initiative “Pinkstinks”:

“Meiner Freundin habe ich entgegen geschmettert, dass sie doch selbst schuld sei, wenn sie auf das ewig gleiche Männerbild setzt und sich nie und nimmer einen Partner auf einem Bruttogehalt von 2.200 Euro vorstellen könnte, der dafür aber ein begeisterter Sozialarbeiter ist.”

Wenn Frauen hier umdenken würden, würde das die althergebrachte Männerrolle vom Mann als Ernährer erschüttern. Dieses Aufbrechen der Geschlechterrollen kann aber offenkundig nicht im Sinne eines Menschen sein, der einem konservativen Rollenverständnis anhängt. Männer sind in dieser Passage von Eders Artikel Subjekte und zu zielgerichtetem Handeln und Entscheiden in der Lage, Frauen hingegen sind Objekte und Spielbälle der Umstände.

Reaktionäre Inhalte, wie sie sich zum Beispiel die Online-Enzyklopädie “WikiMANNia” finden, werden in meinem Buch “Plädoyer für eine linke Männerpolitik” über mehrere Seiten kritisiert. Sowohl in meinem Buch als auch in meinem Interview mit Eder berichte ich, dass ich deshalb seitens der WikiMANNia-Macher seit langen Jahren heftig angefeindet werde. Auch das stellt Sebastian Eder in seinem Artikel auf den Kopf:

“(Hoffmann) verteidigt auch die Urheber von menschenverachtenden Äußerungen, die auf Plattformen der radikalen Männerszene zu lesen sind, zum Beispiel diese: ‘Frauen sind doch nichts anderes als Zecken im Leben eines Mannes, die ihn aussaugen. Aber seit wann bestimmt die Zecke im Fell des Hundes, wo es langgeht?’ Hoffmann nennt diese Entgleisungen zwar ‘inakzeptabel’, macht indirekt aber wieder Frauen dafür verantwortlich: Man mache es sich zu einfach, wenn man den ‘radikalen Rand’ der Szene lediglich dämonisiere. In der Biographie der ‘verbal aggressivsten Vertreter’ der Männerrechtsbewegung finde sich nämlich ‘häufig eine Lebenssituation, die zu einer posttraumatischen Verbitterungsverstörung führen kann, beispielsweise jahrelanger sexueller Missbrauch, eine besonders schmerzhaft verlaufene Scheidung, häusliche Gewalt oder das Unterschieben eines Kuckuckskindes’. Und eine posttraumatische Störung führe eben unter anderem zu ‘ungezügelter Aggressivität’.”

Die zitierten menschenverachtenden Äußerungen in der WikiMANNia habe ich nun selbst in meinem Buch zusammengetragen, was Eder bezeichnenderweise ebenso unerwähnt lässt wie die zahlreichen Anfeindungen aus der WikiMANNia und ihrem Umfeld gegen mich. Aus meiner Anklage gegen diese Entgleisungen macht er eine “Verteidigung”, allein indem ich erkläre, dass diese Menschen nicht böse geboren worden sind, sondern aufschlüssele, was häufig der biographische Hintergrund dieses Verhaltens ist. Auch bei Islamisten und Neonazis wird erforscht, was sie antreibt und wie man diesen Faktoren entgegen wirken kann. Diese psychologischen Hintergründe bedeuten nicht, dass ihr Verhalten dadurch legitim wäre. Die Verbreiter von Frauenhass sind ja infolge ihrer Erlebnisse nicht unzurechnungsfähig geworden, sondern trotzdem für ihr Treiben verantwortlich. Man muss aber untersuchen, wo dieses Verhalten herrührt, um es verstehen und unterbinden zu können.

Eine Verantwortung für das eigene Verhalten haben aber natürlich auch Frauen – was Eder konsequent überspielt. Gegen diese Sichtweise protestieren aber längst auch feministische Forscherinnen wie Lara Stemple, die in diesem Punkt sehr klar ist:

“Beispielsweise verstärkt die gemeinsame eindimensionale Darstellung von Frauen als harmlose Opfer veraltete Geschlechterstereotypen. Das hält uns davon ab, Frauen als komplexe Menschen zu sehen, die in der Lage sind, Macht auszuüben, selbst auf irreführende oder gewalttätige Weise. Und die Annahme, dass Männer immer Täter und nie Opfer sind, verstärkt ungesunde Vorstellungen über Männer und ihre vermeintliche Unbesiegbarkeit. Diese hyper-maskulinen Ideale können aggressive männliche Einstellungen verstärken und gleichzeitig männliche Opfer sexuellen Missbrauchs als ‘gescheiterte Männer’ herabwürdigen.”

Statt das zu reflektieren, gibt sich Eder weiter der Polemik hin:

“Hoffmann selbst wurde nicht durch traumatische Erfahrungen zum Männerrechtler.”

Die Vorstellung, dass “traumatische Erfahrungen” überhaupt als Erklärung in Erwägung gezogen werden, damit sich jemand für Geschlechtergerechtigkeit engagiert, ist natürlich absurd. Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wird hier erneut mit dem Pathologischen verknüpft. Wieder schimmert hier die Vorstellung auf, dass jemand, der sich für männliche Opfer einsetzt, in irgendeiner Weise gestört sein müsse – andernfalls muss dieses Engagement, das Eder offenbar als widernatürlich empfindet, eigens erklärt werden.

Nun hatte ich Eder in meinem Interview mit ihm berichtet, dass ich zu Beginn meiner Recherchen vor allem über die hohe Rate männlicher Opfer häuslicher Gewalt gestolpert war, die in kriminologischen Studien genannt wird, aber nicht in den meisten feministischen Veröffentlichungen zu diesem Thema. Um die Gründe für diese Lücke zu erfahren, fragte ich zuerst im Online-Forum der weltweit einflussreichsten feministischen Gruppe, der US-amerikanischen National Organization for Women (NOW) nach. Dabei stellte ich schnell fest, dass sich dort keine Expertinnen, sondern normale Userinnen tummelten, weshalb mir dieses Vorgehen, wie ich Eder berichtete, nachträglich als allzu konfrontativ erschien.

Daraus wurde in der Frankfurter Allgemeinen der folgende Absatz:

“Stattdessen musste sich Hoffmann eine Nische suchen: Internetforen. Er begann als klassischer Troll. ‘Ich bin in einem sehr konfrontativen Stil in Frauenforen rein’, sagt er. “

Nun werden als “Troll” üblicherweise Akteure bezeichnet, die nicht an einer ernsthaften Auseinandersetzung interessiert sind; Menschen, die eine Diskussion nicht nur beeinflussen, sondern verhindern wollen. Medienforschern zufolge ist der Troll “eine Symbolfigur für den Hass und die sinnlos tobende Aggression”; ihm wird “Sadismus, Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus” zugeschrieben. Die Journalistin Ingrid Brodnig schreibt dazu in ihrem Buch “Hass im Netz”:

“Der Internettroll wirft einen Köder aus, beispielsweise eine verletzende Wortmeldung. Und er hofft, dass wir anbeißen. Das amüsiert ihn, wenn er uns – so wie der Angler einen Fisch – an die Schnur bekommt. Für den Troll ist das der Beweis, dass er intelligenter ist als seine Beute. (…) Zum Beispiel geben sich Trolle gern als harmlose Neulinge in einer Diskussionsgruppe aus und versuchen, mit herausragend dummen oder naiven Fragen User zur Weißglut zu bringen. (…) Dieses Verhalten ist vergleichbar mit früheren Scherzanrufen, die sicher viele in der Schulzeit machten. Trolle haben einen ähnlich pubertären Humor.”

Für Sebastian Eder ist dieses Verhalten also gleichbedeutend damit, dass man sich in einem feministischen Forum nach männlichen Opfern häuslicher Gewalt erkundigt. Rhetorisch setzt er die Stoßrichtung fort, mich als “Bildschirmtäter” darzustellen:

“2004 rief er sein Blog ins Leben, außerdem wurde er in verschiedenen Foren aktiv, in denen sich wütende Männer austoben.”

Angenommen, Frauen tauschten sich in Internetforen über Erfahrungen mit bestimmten Benachteiligungen aus – wären es “Foren, in denen sich wütende Frauen austoben”? Dass Männer einen Grund haben könnten, verärgert über soziale Schieflagen und Ungerechtigkeiten zu sein und darüber miteinander zu sprechen, wird durch diese Formulierung diskreditiert.

Weiter beanstandet Eder in seinem Artikel, dass ich mich im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts von “rechten Plattformen” wie der Jungen Freiheit, Eigentümlich frei und der Freien Welt interviewen ließ beziehungsweise dort veröffentlichte. Hier bleiben sowohl sämtliche linken Plattformen, auf denen ich veröffentlichte, unerwähnt als auch die tatsächlichen Inhalte meiner Texte, die für Rechte deutlich gegen den Strich gebürstet sind, weshalb es zwischen mir und solchen Rechten auch regelmäßig zu Konflikten kommt.

Überdies könnte eine Zeitung, die tatsächlich Aufklärung leisten und wichtige gesellschaftliche Themen anstoßen möchte, durchaus einmal erörtern, warum man über Tabuthemen wie männliche Opfer lange Jahre fast ausschließlich in randseitigen Nischenmagazinen veröffentlichen konnte und nicht in den Leitmedien. So befindet der Kulturkritiker und Publizist “Nikolai E. Bersarin” zutreffend: Wer bestimmte gesellschaftliche Themen anspreche, für den gebe es “bei bestimmten Zeitungen ganz einfach keinen Schreibplatz mehr. Und wer mit dieser Arbeit sein Geld verdienen muss, der hält halt den Rand, wenn er im grün-roten Milieu nicht Persona non grata sein will und wenn er nicht bei [der Jungen Freiheit] schreiben mag.”

In dem Artikel der Frankfurter Allgemeinen heißt es weiter über mich:

“Auf seinem Blog veröffentlichte er in diesem Sommer außerdem das Programm der ‘Liberalen Männer’, einer Vereinigung aus FDP-Mitgliedern, die sich für Männerrechte einsetzen will. An der Gründungsveranstaltung der Gruppe Anfang August konnte er nicht teilnehmen: Die Anreise war ihm zu teuer.”

Ein “echter Kerl” hingegen würde auch über die finanzielle Potenz verfügen, bundesweit überall unterwegs zu sein. Rhetorisch wird hier das Bild des Bildschirmaktivisten verstärkt – weshalb natürlich die zahlreichen männerpolitischen Treffen, bei denen ich teilgenommen habe, ebenfalls unerwähnt bleiben müssen.

Meine mangelnde Finanzkraft ist für Sebastian Eder ohnehin ein gefundenes Fressen:

“Hoffmann lebt von den Spenden, die ihm Leser seines Blogs überweisen, und dem wenigen Geld, das seine Bücher einbringen (…). Er zog auch aus finanziellen Gründen nie aus seinem Elternhaus aus.”

Auch hier bleiben die anderen in meinem Interview berichteten Gründe, weshalb ich noch zu Hause wohne, unerwähnt, da sie beim Leser so etwas wie Empathie wecken könnten, was für die Stoßrichtung des Artikels kontraproduktiv wäre.

“Auch dass er Single ist, habe mit diesem Engagement zu tun: Nicht lange nachdem er 1996 anfing, sich für sein Geschlecht zu engagieren, habe sich seine damalige Freundin von ihm getrennt, sagt er.”

Tatsächlich tat ich das nicht. Ich berichtete von einem Konflikt mit einer Frau, die mir nahestand. Dass ich nicht verheiratet bin, hat mehrere Ursachen; mein männerpolitisches Engagement zähle ich keineswegs dazu. Das wäre auch absurd. Zahllose Frauen sind mit mir einer Meinung und werden dementsprechend in meinem Blogund meinen Büchern zitiert; ein kleiner Prozentsatz davon auch im vorliegenden Sammelband. Ganz abgesehen davon müssen zwei Menschen in einer Partnerschaft nicht zwingend politisch derselben Meinung sein. Die Botschaft, die dem Leser hier verstärkt nahegebracht werden soll, lautet: Wer sich für männliche Opfer einsetzt und die bestehenden gesellschaftlichen Diskurse hinterfragt, landet unweigerlich in der sozialen Isolation.

“Aber auch die bislang letzte Frau, an der er ‘sehr interessiert’ gewesen sei, habe nie verstanden, was sein großes Problem sei. “Aber jetzt ist sie voll auf meiner Seite.” Allerdings wohnt sie mittlerweile in Amerika. Hoffmann sitzt also weiter allein hinter seinem Schreibtisch im Taunus.”

Hier fallen zweierlei Dinge auf. Erstens: Jemand, der sich um männliche Opfer kümmert, hat “ein großes Problem”. Normale Menschen tun so etwas selbstverständlich nicht. In dieser Rhetorik wird die Person, die bestehende Probleme anspricht, selbst zum Problem erklärt. Zweitens ist auch hier die Art der Darstellung befremdlich. Ich bin sowohl durch die Männerbewegung als auch über meine beruflichen Tätigkeiten als auch über meine umfangreichen privaten Freundeskreise vor allem in der Situation, dass mein Tag zu kurz ist, um all diesen Menschen gerecht werden zu können. Dennoch wird von mir das Bild eines Menschen gezeichnet, der “allein hinter seinem Schreibtisch im Taunus” sitzt. (Single-Sein wird vielfach zur Stigmatisierung verwendet. Tatsächlich aber leben Singles der psychologischen Forschung zufolge nicht nur im Schnitt ein erfüllteres und glücklicheres Leben als verheiratete Menschen; sie haben auch stärkere Kontakte und Beziehungen zu ihren Mitmenschen.) Im Weltbild dieses Artikels ist jemand, der in keiner dauerhaften Paarbeziehung lebt, wie es ein “erfolgreicher Mann” zu tun hat, trotz aller sozialer Kontakte “allein”. Hier wird dieselbe Polemik aufgekocht, die vor Jahrzehnten Feministinnen getroffen hat: Sie hätten eben nur noch nicht den richtigen Mann gefunden.

In dem Artikel der Frankfurter Allgemeinen heißt es weiter:

“Dabei würde er gerne in Talkshows über die Unterdrückung der Männer reden.”

Hier hämmert Eder den Lesern nicht nur zum vierten Mal seine Phantasie von der “Unterdrückung der Männer” in den Kopf, er macht auch aus einer gesellschaftlichen Schieflage erneut ein individuelles Problem. Es geht nicht darum, dass ich persönlich unbedingt in Talkshows auftreten möchte. Mehrere Gründe sprechen sogar dagegen: Ich besitze in Medienauftritten vor Publikum wenig Erfahrung; Talkshows sind überwiegend Showkämpfe, bei denen jeder Teilnehmer beim eigenen Lager zu punkten versucht, statt Brücken zu bauen, und viele dieser Sendungen sind redaktionell so gescriptet, dass Menschen mit vom Mainstream abweichenden Meinungen wenig Chancen haben, ihre Sicht nachvollziehbar zu machen. Was ich tatsächlich fordere und weiterhin fordern werde, ist eine faire und ausgewogene Präsentation der verschiedenen Lager in unseren Leitmedien. Wenn in Printmedien oder in TV-Sendungen Geschlechterthemen behandelt werden, sollten Frauen- und Männerrechtler gleichberechtigt zu Wort kommen dürfen. Das ist etwas vollkommen anderes als “würde er gerne in Talkshows über die Unterdrückung der Männer reden” (was sich im Übrigen mit Sebastian Eders Karikatur von mir als einem Menschen beißt, der sich nicht hinter dem Bildschirm hervor traut).

So zieht der Artikel schließlich das Fazit:

“Unterdrückt der ‘herrschende Feminismus’ hier also einen Gegner, der die besseren Argumente hat? Man kann es kurz machen: Nein. Kolumnisten, die kritisch über die Auswüchse des ‘Genderwahnsinns’ berichten, sind in den Medien mindestens genauso präsent wie die Feministinnen selbst. Dass Hoffmann nicht zu diesen Autoren gehört, liegt daran, dass seine Argumentation in weiten Teilen nicht mehrheitsfähig ist – und dafür kann niemand etwas, außer er selbst.”

Das diskursive Mittel, das hier an erster Stelle eingesetzt wird, ist ein simpler Austauschtrick: Mein tatsächliches Anliegen, das Engagement für männliche Opfer, wird ersetzt durch Gepolter gegen den “Genderwahnsinn”, wie es vor allem aus dem rechten Lager erfolgt. Anti-Gender-Artikel findet man tatsächlich in der Presse, nicht zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen selbst. Meine tatsächlichen Schwerpunkte aber werden von den Leitmedien zumeist ins Abseits gedrängt. Im hier vorliegenden Fall verwendet sogar eine Zeitung wie die Frankfurter Allgemeine eine volle Seite für die Darstellung, dass man dem Betreiber eines Ein-Mann-Blogs, das über männliche Opfer berichtet, nicht zuzuhören brauche.

Es gibt im Verlauf des Artikels auch einige zähneknirschende Zugeständnisse, denen zufolge ich in manchen Punkten echte Probleme anspräche, was aber eher in der Form von Glückstreffern präsentiert wird, während ich insgesamt “meilenweit über das Ziel hinaus” schösse. Die wenigen Zugeständnisse, die der Artikel mir zu machen scheint, bleiben vergiftet. So heißt es etwa im letzten Absatz:

“Und nicht selten hat Hoffmann ja wirklich recht: Drogon, der wichtigste Drache aus ‘Game of Thrones’, überlebte den Angriff am Ende von Folge vier zum Beispiel tatsächlich.”

Der Bereich, in dem ich “Recht habe”, betrifft also phantastische Traumwelten, die hier sachlich irrelevant sind. Seriös wäre es gewesen, stattdessen auf die Studien und die Experten hinzuweisen, die ich in meiner Arbeit kontinuierlich zitiere und die man nur wegreden kann, wenn man von der Sachebene ganz auf die eines persönlichen Angriffs wechselt.

Insgesamt macht der Artikel deutlich, welche Eigenschaften ein Mann nach Auffassung der Frankfurter Allgemeinen auf keinen Fall haben darf, wenn er sich für männliche Opfer einsetzen möchte. So darf er auf keinen Fall introvertiert, intellektuell oder finanzschwach sein. Selbst Hartnäckigkeit kann man als Charakterfehler erscheinen lassen, indem man sie als Unbelehrbarkeit und Fanatismus präsentiert. Empathie für Jungen und Männer wird mit “Hass auf Frauen” übersetzt.

Mit derartigen Diskursen werden nicht nur völlig normale Durchschnittsmänner zu verschrobenen Freaks erklärt. Es stellen sich auch weitergehende Fragen: Dürfte sich etwa jemand für männliche Opfer einsetzen, der zum Beispiel an Depressionen oder einer Soziophobie leidet, oder dürfen das nur Männer, die die Frankfurter Allgemeine für psychisch gesund erklärt? In der deutschen Männerrechtsbewegung gibt es auch einen Gehbehinderten und einen Mann mit Asperger-Syndrom – wären das in Sebastian Eders Darstellung auch Witzfiguren, wenn sie sich für Männer einsetzen?

Die hier verwendeten Ausgrenzungsstrategien unterscheiden sich im Grundprinzip kaum von den Ausgrenzungsstrategien der radikalen Rechten, wenn sie sich über Homo- und Transsexuelle sowie “Gender-Spinner” lustig machen. Nur sind es hier die Maskulisten, die nicht jener Geschlechterrolle entsprechen, die durch solche Artikel diskursiv erzeugt wird.

Entsprechende Angriffe auf Maskulisten, die auch männliche Opfer in die geschlechterpolitische Debatte mit einbeziehen möchten, sind nicht neu. Schon vor ein paar Jahren habe ich den Anti-Gewalt-Berater und -Pädagogen Burkhard Oelemann befragt, worin er solche Attacken begründet sieht. Seine Antwort:

“Ich interpretiere solches Verhalten (…) als Ausdruck einer sehr traditionellen und beinahe reaktionären Männlichkeit, die darin besteht, hauptsächlich auf Unterschiede zwischen Männern fixiert zu sein, anstelle mit anderen Männern nach Gemeinsamkeiten zu suchen und diese zu finden. Männliche Sozialisation ist ja allzu häufig eine reine Abgrenzungssozialisation: Das heißt, Jungen lernen ohne leibhaftiges Vorbild oder Leitbild durch eine Halt und Orientierung gebende lebendige männliche Person eben nur, ‘anders’ als andere zu sein. Anders als Frauen und anders als böse Männer. Jungen erlangen manchmal ihre wackelige Identität nur über Abgrenzung, und manche entwickelten vielleicht ein lebenslanges Dauerprogramm. Das ist die eine Seite dieses kuriosen, absurden und gefährlichen Verhaltens.”

Das hier aufscheinende Problem findet sich dabei nicht nur in der Frankfurter Allgemeinen und auch nicht allein in Deutschland. Beispielsweise berichtete der Männerrechtler Neil Lyndon im September 2017 im britischen “Telegraph” über ganz ähnliche diskursive Strategien, um dieses unerwünschte Thema beiseite zu wischen:

“Niemand würde zugeben, dass Ungleichheiten auf Männer zutreffen könnten – so offensichtlich und unbestreitbar die Fakten auch sein mögen -, solange nur Männer auf diese Ungerechtigkeiten hinweisen. Die automatische, reflexhafte Antwort bestand immer darin zu höhnen, dass mit diesen Kerlen etwas nicht stimmen musste – sie mussten Frauenhasser sein oder irgendeine Unzulänglichkeit besitzen oder einen kleinen Schwanz haben oder nicht imstande sein, eine Freundin zu finden.”

Gleichzeitig ist es bemerkenswert, dass diese Polemik in der Frankfurter Allgemeinen besonders geballt auftritt. Auch der Youtuber Rezo hatte in seiner Aufsehen erregenden Journalismuskritik die Frankfurter Allgemeine als das Blatt ermittelt, das die meisten Falschbehauptungen verbreitet hatte, offenbar um ihn und damit automatisch auch seine Kritik zu diskreditieren. Einige Jahre zuvor schon musste sich die Frankfurter Allgemeine den Vorwurf von “Manipulationen, Einseitigkeit und Polemik” gefallen lassen für einen Artikel, der “nicht nur Wesentliches weg” lasse, sondern auch “Zitate manipulativ aus dem Zusammenhang” reiße und “böswillige Verkürzungen” enthalte. Für einen weiteren Artikel der Frankfurter Allgemeinen zum Thema Homosexualität sprach der Deutsche Presserat gar eine Rüge gegen die Frankfurter Allgemeine aus und sah einen schweren Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot.

Wenn es statt zu einer Sachdebatte regelmäßig zu persönlichen Attacken kommt, zeigt das, was für ein mächtiges Tabu darin besteht, über männliche Opfer zu sprechen. Die Frankfurter Allgemeine stürzt sich nicht ins Privatleben anerkannter Politiker, um sie zu diskreditieren. Auch bei Feministinnen wird das nicht getan. Aber sobald der Betreiber eines Ein-Mann-Blogs das Bild des mächtigen, potenten, ständig überlegenen Mannes in Frage stellt, gibt es plötzlich keine Hemmungen mehr.

Die Reaktionen auf den Artikel waren geteilt. Wer weder mich noch meine tatsächlichen Anliegen kannte, reagierte in den sozialen Medien mit Hohn und Spott. Wer über mich und meine Anliegen Bescheid wusste, war über den Artikel fassungslos und entsetzt. So schrieb mir die bekannte Autorin Karin Jäckel, die schon viele Bücher zu Geschlechterthemen veröffentlicht hat:

“Mit Unwillen habe ich kürzlich in der FAZ über Sie gelesen. Unwillen, weil der Arne Hoffmann, den ich zu kennen meine, nichts mit dem Mann Ihres Namens zu tun zu haben scheint, den der FAZ‘ler zu porträtieren vorgibt. Weil der Journalismus, den dieser FAZ’ler in seinem Artikel verkörpert, nichts mit dem Journalismus zu tun hat, der neutral, objektiv zutreffend und sauber recherchiert informiert. Und weil das, was dabei herausgekommen ist, Diffamierung ist. Mit, wie mir scheint, dem einen zutiefst inhumanen Ziel, Sie als Autor, der sich für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern sowie gegen Neo-Nazitum einsetzt, und speziell als Mann im Rundumschlag ad absurdum zu führen.

Und doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie sich dieses journalistisch so prekäre Machwerk als Ehren-Kokarde an die Brust stecken könnten. Immerhin muss das, was Sie schreiben, so nachhaltig wirkmächtig sein, dass die ‘große FAZ’ Sie einer ganzen Seite würdigt, um den Eindruck zu erwecken, Sie seien es nicht wert, dass man ein Wort über Sie und Ihre Veröffentlichungen verlöre.”

Der Gymnasiallehrer und Blogger Lucas Schoppe befand in seiner Analyse dieses Artikels, dieser sei “so irreführend, aber auch so gewaltsam”, dass er “erkennbar auf eine diskursive Vernichtung” angelegt sei. Während nichts dagegen zu sagen sei, wenn ein Journalist meine Positionen nicht teile, sei die verzerrende Weise, wie Eder diese Positionen darstelle, “schlicht unethisch”. Da es aber besser sei, die Kommunikation zu suchen, anstatt andere Menschen als Feinde zu markieren und zu versuchen, sie kommunikativ zu zerstören, schrieb Lucas Schoppe einen offenen Brief an die Frankfurter Allgemeine. Darin heißt es:

“Ist (…) wirklich niemand in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen auf die Idee gekommen, dass es möglicherweise nicht in Ordnung, ja vielleicht sogar strafrechtlich relevant ist, wenn Ihr Redakteur einen Menschen ausdrücklich und öffentlich als psychisch krank hinstellt (‘Wahnsinn’) und das mit aus dem Kontext gerissenen Zitaten und einer manipulativen, willkürlich selektiven Darstellung stützt? Hoffmann ist ein freier Autor und ist für seine Existenzsicherung darauf angewiesen, Bücher zu verkaufen. Bei dieser Art der Darstellung durch eine große, überregionale Zeitung ist die bewusste Absicht einer Schädigung nicht von der Hand zu weisen.

(…) Natürlich ist es möglich, dass Journalismus schon immer so einseitig, so desinformierend, so bösartig, kurz: so schlecht war wie der Artikel Eders – dass wir das aber früher nicht gemerkt haben, weil uns das Netz nicht als Instrument der Überprüfung solcher Texte zur Verfügung stand. Ich halte aber eine ganz andere Erklärung für wahrscheinlicher: Je stärker Journalisten ihre traditionelle Funktion als Torwächter öffentlicher Diskurse verlieren, desto verbissener halten sie an dieser eigentlich schon erodierten Funktion fest – und entfernen sich dabei immer weiter von eben der Wirklichkeit, mit der sie sich doch eigentlich auseinandersetzen müssen.”

Auf diesen Brief erhielt Lucas Schoppe von der Frankfurter Allgemeinen keine Antwort, woraufhin er mehrere Tage später in einem zweiten Brief nachhakte und die Frage stellte, ob es in diesem Hause irgendeine Form der journalistischen Verantwortung gäbe:

“Ich kenne mich mit dem Thema und dem Autor Hoffmann einigermaßen gut aus, daher konnte ich schon bei der Lektüre merken, dass vieles, und Grundsätzliches, mit dem Text nicht stimmt. Da ich die FAZ und auch Ihre Sonntagszeitung schon oft gelesen habe, überlege ich mir nun natürlich, ob ich von Ihnen auch in anderen Fällen ähnlich unseriös informiert worden bin – in Fällen allerdings, in denen mir das Vorwissen fehlte, um die Fehler zu bemerken.

Ich habe in dem Blog man tau etwas zu dem Text geschrieben, ich muss es sicher nicht alles wiederholen. Der Kommentator Leszek hat zu dem Beitrag viele Textstellen zusammengetragen, aus denen deutlich wird, dass Ihr Journalist schon bei einer äußerst oberflächlichen Lektüre von Hoffmanns Texten hätte merken müssen, wie grundsätzlich falsch seine Darstellung ist.

Wie aber ist es eigentlich möglich, dass ein Beiträger in der Kommentarspalte eines kleinen Blogs deutlich besser recherchiert und ein Thema wesentlich seriöser präsentiert als ein Redakteur einer der größten und wichtigsten deutschen Zeitungen?

Für mich als Leser stellt es sich so dar, dass Eders Text also entweder auf einer schwer verständlichen Schlamperei beruht oder auf einer bewussten Absicht zur Falschdarstellung. Da Eder seine Fehler aber durchweg zu Hoffmanns Nachteil macht, da durch sie durchaus systematisch das Bild eines weltfremden, spinnerten Nerds entsteht, der über eine herbei fantasierte Unterdrückung von Männern jammert – da alle erkennbaren sachlichen Anliegen von Hoffmann ganz ausgeblendet bleiben, obwohl es nicht vorstellbar ist, dass Eder nichts von ihnen wusste – daher ist wohl die Möglichkeit der Schlamperei auszuschließen.

(…) Selbst wenn Sie sich aber auch in einem strafrechtlichen Sinn schuldig gemacht hätten, könnten Sie damit kalkulieren, dass das für Sie keine Konsequenzen haben würde. Verleumdung ist nun einmal kein Offizialdelikt, und Hoffmanns finanzielle Mittel für ein Rechtsverfahren sind den Ihren weit unterlegen. Allein Ihre sehr starke Stellung schützt sie davor, allzu viele Konsequenzen befürchten zu müssen.

Eben deshalb aber schreibe ich Ihnen hier noch einmal. Ich möchte einfach wissen: Gibt es für Sie, unabhängig von einer allgemeinen strafrechtlichen Verantwortung, die ja für alle Menschen gilt, auch noch eine spezifische journalistische Verantwortung?”

Auch die Frage nach ihrer journalistischen Verantwortung ließ die Frankfurter Allgemeine unbeantwortet – was allerdings aussagekräftig genug ist.

Nun gibt es in der Geschlechterforschung die Theorie von der Männlichkeit als Performance, also als Schauspiel, bei dem sich Männer auf bestimmte Weise inszenieren müssen, um als “echte Kerle” wahrgenommen zu werden. Sebastian Eder hat das in seinem Artikel getan, indem er Frauen gegen mich als von ihm zusammenphantasierte Bedrohung zu schützen vorgibt. In der Realität scheitert seine Performance aber sowohl, was die alte, als auch was die neue Männerrolle angeht. Er kann hier letztlich weder den Idealen des neuen Mannes (Nonkonformismus, Authentizität und Empathie) gerecht werden, noch denen des alten (Verantwortungsbereitschaft und Konfliktfähigkeit). Ihm fehlte wie vielen seiner Kollegen der Mut, wirklich neue heikle Themen anzupacken, als auch der Mut, sich mit den Opfern seiner verantwortungslosen Berichterstattung auseinanderzusetzen. Er konnte lediglich aus einer Machtposition heraus zunächst freundlich tun, ein Gegenüber, der sich nicht dagegen wehren kann, dann verbal herabwürdigen und sich schließlich aus dem Staub machen. Die Männlichkeits-Performance bleibt so bei Sebastian Eder ein reines Schauspiel.

Ich frage mich, ob männliche Journalisten auch deshalb wie besessen auf Männerrechtler einprügeln, weil Männerrechtler etwas besitzen, das diesen Journalisten fehlt: Mut und Ehrlichkeit. Der Mut und die Ehrlichkeit, die es braucht, um brisante Themen anzusprechen, dazu zu stehen und diese Anliegen auch durchzukämpfen, wäre nicht nur eine journalistische Tugend, sondern auch ein Ideal von Männlichkeit. Womöglich kommen Journalisten, denen dieser Mut und diese Ehrlichkeit fehlen, damit nur zurecht, indem sie Männerrechtler massiv entwerten und als “keine echten Kerle” darstellen.

 

Die Folgen eines solchen Artikels und anderer Beiträge dieser Machart sind jedoch in vielfacher Weise schädlich:

* Die männlichen Opfer beispielsweise von sexueller Gewalt, auf die wir Maskulisten aufmerksam machen möchten, bleiben weiter unsichtbar. Dabei haben männliche Missbrauchsopfer ohnehin schon Schwierigkeiten, über ihr Leiden zu sprechen. “Viele von ihnen befürworten stattdessen eine John-Wayne-Mentalität”, berichtet Professorin Joan Cook von der Yale School of Medicine. Sie befürchteten als schwach und unmännlich zu erscheinen, wenn sie anderen davon erzählen.

* Menschen, die öffentlich abweichende Meinungen äußern, wird signalisiert: “Wir können zwar nichts dagegen tun, dass du dich auch zu Wort meldest. Aber du musst dann damit rechnen, dass wir dich so entstellend wie möglich präsentieren, um dich gesellschaftspolitisch mundtot zu mache, auch wenn du dir nicht das Geringste hast zuschulden kommen lassen.” Ohnehin Marginalisierte werden zum Schweigen gebracht. Dem Geist einer liberalen Gesellschaft läuft dies entgegen.

* Immer mehr Menschen wird bewusst, dass Leitmedien in ihrer Funktion als sachliche Aufklärer versagen. Ein Grundproblem scheint in solchen Fällen zu sein, dass die primäre Zielgruppe vieler Journalisten in erster Linie nicht eine heterogene Leserschaft darstellt, sondern die eigene In-Group. “Viele Journalisten sind getrieben davon, bei den Kollegen gut anzukommen” weiß Matthias Döpfner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger.

“Sie verhalten sich damit zutiefst unjournalistisch: Sie wollen das Juste Milieu ihrer eigenen Branche bedienen, anstatt nonkonformistisch die andere Seite der Medaille zu beleuchten. Man will der eigenen Crowd gefallen, und das führt zu Herdenverhalten, Mainstream-Denken, Konformismus in der journalistischen Darstellung und immer mehr auch zu Intoleranz gegenüber Freidenkern.”

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht in diesem Zusammenhang von einer “narrativen Verzerrung”, einem “Story Bias”: “Man hat die Geschichte im Kopf, man weiß, welchen Sound Leser oder Kolleginnen gerne hören wollen. Und man liefert, was funktioniert.”

Und der bedeutende linke Intellektuelle Noam Chomsky erklärt zur Macht der Massenmedien:

“Der Kritiker muss auch bereit sein, auf einen Verleumdungsapparat zu treffen, gegen den es wenig Möglichkeiten auf Regress gibt, ein nicht unerheblicher Faktor.”

Ich werde natürlich trotzdem weiterhin auch auf Opfer-Erfahrungen und Leiden von Jungen und Männern aufmerksam machen.